Wien 1900 – ein Gesamtkunstwerk
24.09.10 21:10 Abgelegt
in:
Kunst und
Kultur

Selten
hat ein Krach in einer lokalen Standesorganisation so fruchtbare
Folgen gehabt wie der laute Austritt des Malers Gustav Klimt mit 18
Gleichgesinnten aus der behäbigen und bornierten „Genossenschaft
der bildenden Künstler Wiens“ im Jahr 1897 und die Gründung der
Rebellen-Organisation „Wiener Secession“. Es war ein
Befreiungsschlag im Namen der Kreativität. Er befreite das
Kunstschaffen aus der Zwangsjacke der akademischen Malerei und
Bildhauerei und schuf Raum für eine umfassende kulturelle
Botschaft: Eine neue Zeit beginnt. „Wien um 1900“ heisst die Schau,
mit der Barbara Steffen vom 26. September 2010 bis 16. Januar 2011
in der Fondation Beyeler diese kreative Aufbruchstimmung
illustriert. Erwartungsgemäss stellt die Wiener Kuratorin die
Arbeiten von Gustav Klimt und Egon Schiele ins Zentrum, doch sie
inszeniert sie als Teil eines Wiener Gesamtkunstwerks, in dem zu
Beginn des 20. Jahrhunderts neben Malern auch Architekten,
Möbelgestalter und andere Kunsthandwerker, Schriftsteller,
Komponisten die neue Zeit mitgestalteten. Viele wurden gleichzeitig
von mehreren kreativen Kräften gepackt: Arnold Schönberg
komponierte und malte, der Architekt Josef Hoffmann, Mitgründer der
Secession, entwarf Möbel und andere Gebrauchsgegenstände. Mit dem
Ersten Weltkrieg unter dem Untergang Österreich-Ungarns fand die
Aufbruchstimmung ein Ende. Leider gaben sich später einige,
darunter Josef Hoffmann, der Illusion hin, die Nazis knüpften an
ihren Jugendstil an, und liessen sich freudig in Dienst nehmen.
Klimt und Schiele, die Protagonisten der Neuen Zeit, starben so
früh, der eine 1915, der andere 1918, dass ihnen jede Versuchung
erspart blieb. Eine ausführlich Besprechung der Ausstellung und des
Katalogs folgt demnächst.
Tags:Wien, Wiener Secession, Jugendstil, Egon
Schiele, Gustav Klimt, Josef Hoffmann, Wiener Werkstätte, Barbara Steffen, Gesamtkunstwerk