Hagiograph Somm
13.02.09 21:53 Abgelegt
in:
Medien und
Journalismus
Markus
Somm, der vor Jahren beim eher liberalen Tagi arbeitete und nun bei
der rechtsaussen köppelnden Weltwoche in Lohn und Brot steht, hat
merkwürdige 528 Seiten über Christoph Blocher geschrieben –
merk-würdig vor allem, weil sich der Autor als Konvertit outet. Aus
dem einstigen Kritker wurde ein Hagiograph. Nach traditioneller
Berufsauffassung hat der Mann damit seinen Beruf an den Nagel
gehängt. Dagobert Lindlau, bis 1992 Chefreporter der ARD, hat
einmal von der «Korruption der Anteilnahme» gesprochen:
«Wenn du anfängst zu
verstehen, kannst du nicht mehr verurteilen, oder schlecht. Du
sagst von einem Politiker, das ist ein echtes Schwein, und dann
lernst du ihn kennen und erkennst die Zwänge, in denen er steckt,
und fragst dich, wahrscheinlich hätt’ ich das selbst nicht anders
gemacht, sehr gefährlich: Du wirst korrumpiert durch Verstehen. Die
Distanz, die man als Journalist braucht, die aus Selbstgefälligkeit
kommt, ist schwer zurückzuerobern. … Es gibt und es muss geben
einen Antagonismus zwischen Politiker und Journalist. Dass sich
Politiker und Journalist in den Armen liegen, gibt es nur in
totalitären Staaten. Es ist gesund für den Stoffwechsel eines
Staates, wenn Politiker und Journalisten sich nicht einig sind.»
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Tags:Markus Somm, Christoph Blocher, Weltwoche
Littmanns chinesischer Veloladen
10.02.09 19:57 Abgelegt
in:
Kunst und Kultur
1997
kaufte der Basler Kunst-Unternehmer Klaus Littmann auf Pekinger
Strassen zehn dreirädrige Lasten-Fahrräder. 2008 erstand er – zum
Teil unter bizarren Umständen – 24 weitere. Einen Teil dieser
Tricycles – 18 im «Originalzustand», als eine Art Readymades, und
16 von Künstlern verfremdete – sind vom 11. Februar bis zum 19.
April 2009
im
Museum Tinguely in Basel ausgestellt. So spassig sich die
Fahhrad-Parade neben Tinguelys Maschinen ausnimmt und so schnell
sich die Erinnerung an Jean Tinguelys und seiner Freunde Umzug vom
Atelier an der Pariser Impasse Ronsin zur
«Galerie des 4 saisons» am 14. Mai 1960 einstellt: so wahnsinnig
aufregend, wie die Schau angepriesen wird, ist sie nicht.
Selbstverständlich machen diese urtümlichen Velos ohne ordentliche
Bremsen und Gangschaltung einen exotischen Eindruck. Und, ja: Die
eingeladenen Künstlerfreunde Klaus Littmanns haben sich alle Mühe
gegeben, mit den Rädern etwas Originelles anzustellen. Richtig gut
gelungen ist das allerdings nur in anderthalb Fällen. Halbwegs
reüssierte Thomas Virnich – vor allem, weil er handwerklich
brillierte: Er kaschierte sein Rad zuerst mit
seidenstoff-überzogenem Papiermaché, schnitt die Form dann auf und
platzierte den Zwilling kopfüber auf die Ladefläche, sodass nun
eine hübsche Chinoiserie zu bewundern ist. Grossartig hat der in
Basel lebende Amerikaner Michael Vessa auf sein Fahrrad reagiert.
Er motzte das Klappergestell zu einem technisch voll ausgerüsteten,
das moderne China perfekt symbolisierenden Gefährt auf und baute es
mit viel Liebe zum Detail zu einer mobilen Rednertribüne um: es
gibt ein Treppchen zur Plattform hinauf, ein ausklappbares Pültchen
fürs Manuskript, Fahnen auf faltbarem Gestänge- insgesamt eine
vollendete, aber ganz unaggressive Provokation und ein Aufruf zur
Verteidigung der Redefreiheit. Im Gegensatz zu dieser
herausragenden Arbeit verstanden viele der beteiligten Künstler die
Velos lediglich als Podest oder allenfalls als Synonym für ein
beliebiges Transportmittel. Reizvoll ist immerhin zu sehen, wie nah
sich Originale und Kunst-Stücke im Einzelfall kommen. Das
Garküchen-Motiv kommt zum Beispiel drei Mal vor: zwei Mal echt und
einmal westlich nachempfunden. Zu hoffen ist, dass Klaus Littmann,
der seine Fahrrad-Schau von Basel aus auf Tournee schicken und auf
ihrem Weg noch ausbauen will, künftig noch mehr Künstlerinnen und
Künstler findet, die sich wirklich intensiv auf die chinesischen
Lastenräder einlassen wollen.
Bilder © Jürg Bürgi (oben), Nils Fisch (unten).
Tags:Tricycle, Chinesische Lastenvelos, Klaus
Littmann, Museum Tinguely, Michael
Vessa, Thomas Virnich