18 November 2007
«Medienhypes» am Radiosymposium
18.11.07 22:13 Abgelegt
in:Medien und
Journalismus
Beim
Lesen meines Bericht über das 4.
Radiosymposium am
13. November könnte der Eindruck entstehen, dass es sich beim Thema
«Medienhypes», über das zwischen den kritisierenden
Wissenschaftlern und den Medienpraktikern offensichtlich
Uneinigkeit herrschte, um nichts als eine kurzlebige Dampfblase
handle. Das Gegenteil ist richtig: Der Befund, dass die Medienwelt
angesichts eines allgemein aufregenden und emotional aufwühlenden
Vorgangs heute häufiger zu lemminghaftem Verhalten neigt, ist
zweifellos richtig. Der «Fall Seebach» ist ein musterhaftes
Beispiel für die Tendenz des Systems zur freiwilligen
Gleichschaltung. Ich halte es deshalb für wichtig, die
argumentativen Einzelteile, die im Lauf des Symposiums dazu
geäussert wurden, etwas vom Ballast beiläufigen Blablas zu
befreien. Als Voraussetzungen für Hypes wurde mehrfach die Konsum-
und Einschaltquoten-Orientierung der Medien-Unternehmen genannt.
Verleger aller politischen Couleur definierten sich und ihre
Unternehmen früher als Teil des demokratischen Service public. Die
Privilegierung der Presse bei der Posttarifen zeigt, wie sehr
dieses Selbstbild allgemein akzeptiert war. Und wie die Verleger
verhielten sich auch ihre Angestellten, die Medienschaffenden. Sie
reklamierten, mit einer Mischung aus Berufsstolz und Arroganz, die
publikums-affine Deutungshoheit über den Lauf der Dinge für sich.
In ihrem vielstimmigen, von keinem Dirigenten gestörten
Meinungskonzert war, ihrer Ansicht nach, immer die ganze Wahrheit
enthalten. Es ist logisch, dass der Wandel der Verlagshäuser zu –
oft von branchenfernen, bonus-verwöhnten Managern
geleitet – «gewöhnlichen» Unternehmen auch das
Selbstverständnis der Medienschaffenden veränderte. Heute kann man
einen Journalisten-Job zweifellos auch ohne feu sacré gut machen.
Wo aber, wie leider oft, der früher selbstverständliche dicke
Rucksack an Allgemeinbildung durch flott-forsche Oberflächlichkeit
kompensiert wird, fehlen das Selbstbewusstsein und der Mut, sich
auch ausserhalb des Mainstreams wohl zu fühlen. Was wir sehen, sind
kommunizierende Röhren: Der wirtschaftliche Umbau des Mediensystems
zieht einen Wandel des journalistischen Berufsbilds (und damit des
journalistischen Selbstverständnisses) nach sich. Was tun? Die
Konsumorientierung der Medienwirtschaft ist gesellschaftlich
offensichtlich akzeptiert. Das heisst aber nicht, dass deswegen
grundsätzlich kein guter, hochprofessioneller Journalismus möglich
wäre. «Man muss es nur wagen», wie SRDRS-Chefredaktor Ruedi Matter
richtig sagte. Die SRG-Unternehmen, die im Bereich der Information
als Leitmedien unbestritten sind, haben es in Ausbildung und
Redaktionskultur in der Hand, etwas zu tun. Noch mehr müsste man
von Universitäten und Fachhochschulen verlangen, die den
Studierenden das systematische kritische und selbstkritische Denken
einpflanzen sollten. Ursula Pia Jauchs Lamento im Ohr, sind Zweifel
angebracht, ob dies noch geschieht (oder – im
credit-points-getriebenen Studium – überhaupt geschehen
kann).
Es war Kurt Imhofs Handicap, dass es nicht gelang, dem Symposium eine kohärente Definition des Hypes vorzulegen. Die Schnittmenge der Beispiele – Seebach. Rütli, Waldsterben, Paris Hilton – war zu klein; die Belege, dass da ein übergreifendes Phänomen beobachtet wurde, waren dürftig. Gewiss: Der Ansatz ist anregend, aber eben nur als Ansatz, als Arbeitshypothese. Verstörend wirkte zudem die Beweisführung mit Hilfe von simplen (wenn auch sicher aufwändigen) quantitativen Inhaltsanalysen. Die vermögen vielleicht, die Teilnehmer eines kultursoziologischen Seminars vom Hocker zu reissen, aber altgediente Medienpraktiker können sie nicht überzeugen. Ohne eine sorgfältige qualitative Analyse, die auch – ich denke an das Waldsterben – den historischen Verlauf der Ereignisse berücksichtigt, kann nur Oberflächliches resultieren. Was ausserdem fehlte, war die Einbettung der medialen Phänomene in die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Redaktionen arbeiten nicht in Raumkapseln ohne Verbindung zur realen Welt, in der lieber fern gesehen als gelesen, lieber DJ Bobo als Charlie Parker gehört, lieber bei McDonalds als in der Eckkneipe gegessen wird. Selbstverständlich würde die Berücksichtigung all dessen
«zu weit führen». Selbstverständlich! Aber diese Lücken müssten sich doch in der Formulierung von Forschungsergebnissen niederschlagen. Das Sammeln von Äpfeln, Birnen und Blutorangen im gleichen Korb, müsste begründet werden. Leider geschah das bisher nicht. Ja, Hypes sind ein reales Problem der aktuellen Medien-Wirklichkeit. Der «Fall Seebach» ist dafür ein gültiges Lehr-Stück. Aber die übrigen Beispiele passen (noch) nicht ins Puzzle.
Und noch etwas Grundsätzliches: Wo beginnt die Gleichschaltung überhaupt? Ab wann wird der «politisch-publizistische Konflikt», den Kurt Imhof als konstituierende Konstante der Demokratie definiert, ausgeschaltet? Soll es Tabuzonen geben? Einen von allen Medienschaffenden respektierten Grundbestand von allgemein anerkannten Werten? Als jemand von Kurt Imhof wissen wollte, ob er glaube, die Rassismus-Strafnorm schränke die Medienfreiheit ein, verneinte er – aber auf ungeschickt zweideutige Art. Weniger verfänglich gefragt: Wie würde er antworten, wenn sich ein Konflikt um eindeutig antiaufklärerische Inhalte drehte? Haben zum Beispiel Kreationisten, wie sie selbst glauben, Anspruch auf Medienpräsenz?
Es war Kurt Imhofs Handicap, dass es nicht gelang, dem Symposium eine kohärente Definition des Hypes vorzulegen. Die Schnittmenge der Beispiele – Seebach. Rütli, Waldsterben, Paris Hilton – war zu klein; die Belege, dass da ein übergreifendes Phänomen beobachtet wurde, waren dürftig. Gewiss: Der Ansatz ist anregend, aber eben nur als Ansatz, als Arbeitshypothese. Verstörend wirkte zudem die Beweisführung mit Hilfe von simplen (wenn auch sicher aufwändigen) quantitativen Inhaltsanalysen. Die vermögen vielleicht, die Teilnehmer eines kultursoziologischen Seminars vom Hocker zu reissen, aber altgediente Medienpraktiker können sie nicht überzeugen. Ohne eine sorgfältige qualitative Analyse, die auch – ich denke an das Waldsterben – den historischen Verlauf der Ereignisse berücksichtigt, kann nur Oberflächliches resultieren. Was ausserdem fehlte, war die Einbettung der medialen Phänomene in die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Redaktionen arbeiten nicht in Raumkapseln ohne Verbindung zur realen Welt, in der lieber fern gesehen als gelesen, lieber DJ Bobo als Charlie Parker gehört, lieber bei McDonalds als in der Eckkneipe gegessen wird. Selbstverständlich würde die Berücksichtigung all dessen
«zu weit führen». Selbstverständlich! Aber diese Lücken müssten sich doch in der Formulierung von Forschungsergebnissen niederschlagen. Das Sammeln von Äpfeln, Birnen und Blutorangen im gleichen Korb, müsste begründet werden. Leider geschah das bisher nicht. Ja, Hypes sind ein reales Problem der aktuellen Medien-Wirklichkeit. Der «Fall Seebach» ist dafür ein gültiges Lehr-Stück. Aber die übrigen Beispiele passen (noch) nicht ins Puzzle.
Und noch etwas Grundsätzliches: Wo beginnt die Gleichschaltung überhaupt? Ab wann wird der «politisch-publizistische Konflikt», den Kurt Imhof als konstituierende Konstante der Demokratie definiert, ausgeschaltet? Soll es Tabuzonen geben? Einen von allen Medienschaffenden respektierten Grundbestand von allgemein anerkannten Werten? Als jemand von Kurt Imhof wissen wollte, ob er glaube, die Rassismus-Strafnorm schränke die Medienfreiheit ein, verneinte er – aber auf ungeschickt zweideutige Art. Weniger verfänglich gefragt: Wie würde er antworten, wenn sich ein Konflikt um eindeutig antiaufklärerische Inhalte drehte? Haben zum Beispiel Kreationisten, wie sie selbst glauben, Anspruch auf Medienpräsenz?