19 August 2007
Über Schraubdeutsch und PushUp-Speak
24.08.07 20:18 Abgelegt
in:Medien und
Journalismus
Der Neusprech (George Orwells
«Newspeak») unserer Tage dient nicht mehr nur der Verschleierung
einer autoritären Herrschaft, sondern sättigt, wie der Zürcher
Radiologie-Professor Werner Baumann in einem teils amüsanten, teils bissigen Beitrag in der
Schweizerischen Ärztezeitung feststellt, inhaltsarmes Blabla
mit heisser Luft. Baumann zitiert in der Einleitung zu seinem
«Taschenwörterbuch des Gesundheitswesens» das beispielhafte
«Leerdeutsch» eines real existierenden «bio-psycho-sozialen
Behandlungskonzepts». Neben dem Leerdeutsch dienen auch das
«Dummdeutsch» (ein Begriff des Schriftstellers Eckhard Henscheid)
und das «Schraubdeutsch» der Bedeutungsschwängerung von
Banalitäten. Spassig ist Baumanns Übersetzung des
Dampfplauderer-Idioms als «PushUp-Speak», die «wie das ähnlich
benannte Damenbekleidungsstück, übersteigerte Erwartungen bezüglich
Höhe und Volumen des Inhaltes» wecke. Leider entwertet der Autor
seinen lobenswerten Ansatz indem er im Schlagwortverzeichnis die
für das Ärztemilieu typischen politischen Duftmarken setzt. Für
Journalistinnen und Journalisten kann Baumanns Wörtersammlung
gleichwohl als Anregung dienen, sich von den Dampfblähungen der
Verlautbarungen von Parteien, Verbänden und Interessengruppen nicht
verführen zu lassen. Allzu oft, da hat Baumann Recht, dienen
Imponier-Vokabeln wie «Handlungsbedarf», «kostenneutral» oder
«thematisieren» zum Aufhübschen von Selbstverständlichkeiten.
Bedenkenswert: Das Modewort «nachhaltig», das ursprünglich
«dauerhaft» bedeutete, ist «inzwischen zur leerdeutschen Worthülse
mit universaler Verwendung verkommen».