Medien und Journalismus
Felix Stössinger – Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern
19.01.12 19:22

Simon Erlanger. Peter-Jakob Kelting (Hg.): Interniert in Schweizer Flüchtlingslagern. Tagebuch des jüdischen Autors Felix Stössinger 1942/43. Basel 2011 (Christoph Merian Verlag), 544 Seiten, CHF 38.00, € 28.00.
Selbstbewusste Journalisten
15.11.09 13:08

Zwei Berner Bürgersöhne
10.09.09 17:34


Hagiograph Somm
13.02.09 21:53
Markus
Somm, der vor Jahren beim eher liberalen Tagi arbeitete und nun bei
der rechtsaussen köppelnden Weltwoche in Lohn und Brot steht, hat
merkwürdige 528 Seiten über Christoph Blocher geschrieben –
merk-würdig vor allem, weil sich der Autor als Konvertit outet. Aus
dem einstigen Kritker wurde ein Hagiograph. Nach traditioneller
Berufsauffassung hat der Mann damit seinen Beruf an den Nagel
gehängt. Dagobert Lindlau, bis 1992 Chefreporter der ARD, hat
einmal von der «Korruption der Anteilnahme» gesprochen:
«Wenn du anfängst zu
verstehen, kannst du nicht mehr verurteilen, oder schlecht. Du
sagst von einem Politiker, das ist ein echtes Schwein, und dann
lernst du ihn kennen und erkennst die Zwänge, in denen er steckt,
und fragst dich, wahrscheinlich hätt’ ich das selbst nicht anders
gemacht, sehr gefährlich: Du wirst korrumpiert durch Verstehen. Die
Distanz, die man als Journalist braucht, die aus Selbstgefälligkeit
kommt, ist schwer zurückzuerobern. … Es gibt und es muss geben
einen Antagonismus zwischen Politiker und Journalist. Dass sich
Politiker und Journalist in den Armen liegen, gibt es nur in
totalitären Staaten. Es ist gesund für den Stoffwechsel eines
Staates, wenn Politiker und Journalisten sich nicht einig sind.»
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Margrit Sprechers DRS 2
10.12.08 16:37
«Das andere Radio – DRS 2» von Margrit
Sprecher ist ein schönes Jubiläumsbuch zum 25sten. Schöne Bilder,
schönes Layout. Und die – zum Teil – ironisch-distanzierten Texte
tun dem Glanz keinen Abbruch. Im Gegenteil: Sie zeigen, dass die
Autorin ihren journalistischen Auftrag, beim Erkunden und
Beschreiben des unbekannten Geländes auf dem Basler Bruderholz
ernst nahm. Wie tickt die Elite der Schweizer Kulturjournalisten?
Machen sie einfach ihren Job? Fühlen sie sich erfüllt von einem
einem Auftrag? Glauben Sie gar an eine Mission? Eine gute
Reporterin beteiligt alle ihre Sinne, wenn sie auf solche Fragen
Antworten sucht. Sie hält Augen und Ohren auch offen, wenn sie
bloss unbeteiligt anwesend ist. Sie nimmt Spannungen wahr und
erfasst das Klima eines Ortes, auch wenn niemand mit ihr darüber
spricht. Sie registriert Zwischentöne und zieht ihre Schlüsse
daraus. Und dann schreibt sie alles, was sie gehört, gesehen,
gerochen und intuitiv erfasst hat , so auf, wie es ihr
Reporterinnen-Beruf verlangt. Geradeheraus, schön konturiert, gut
lesbar und mit Subjektiviät gefärbt. Wenn sich darüber in der
Leitung von DRS 2, wie es heisst, «Entsetzen breit gemacht hat»,
dann ist das nicht der Autorin anzulasten. Hier geht’s zur Rezension
Plädoyer für mehr Sachlichkeit
22.07.08 15:07
Alex Reichmuth, 40, gelernter
Naturwissenschaftler und Radiojournalist dazu, belegt in seinem
Buch «Verdreht und hochgespielt», wie schwierig es ist, der derzeit
populären Angstmacherei in Umwelt- und Gesundheitsfragen rationale,
wissenschaftlich fundierte Forschungsergebnisse entgegen zu setzen,
ohne schwarz-weiss zu malen, aber auch ohne Furcht vor den
hervorragend aufgestellten Obskuranten-Organisationen. Sein
«Plädoyer für mehr Sachlichkeit und weniger Ideologie» ist in
seinem ständigen Bemühen um emotionslose Objektivität zwar
todlangweilig zu lesen, die Fülle der dargebotenen Fakten macht es
aber zur Pflichtlektüre für alle, die sich noch der Aufklärung und
der Ratio verbunden fühlen.
Schon beim Schreiben meiner Besprechung von Al Gore‘s Buch «Angriff auf die Vernunft», in dem der frühere amerikanische Vizepräsident die systematische Emotionalisierung der amerikanischen Politik beklagt, fragte ich mich, wie weit es in dieser Hinsicht hierzulande mit uns gekommen ist. Zwar ist unser Bildungsniveau höher, und der religiöse Obskurantismus hat nicht denselben Einfluss auf die Politik wie in den USA. Aber schleichen sich nicht auch bei uns die Anti-Aufklärer auf leisen Pfoten durch unsere politischen Oberstübchen? Reichmuth bietet einige Beispiele von Kampagnen gegen Amalgam und Mobilfunkstrahlen, er schreibt über die Vogelgrippe-Hysterie und den besonders nachhaltig orchestrierten Feldzug gegen die Agrobiotechnologie und berichtet über die Unterdrückung der Meinungsvielfalt in Sachen Waldsterben, Klimawandel und Acrylamid. Er tut dies aber im grossen Ganzen ohne die politischen und ökonomischen Zusammenhänge angemessen zu berücksichtigen.
Folgerichtig kommt die Begeisterung des Publikums für so genannte alternative Heilmethoden nicht vor. Weshalb haben 140’000 Bürgerinnen und Bürger dazu überreden lassen, ein Volksbegehren zu unterschreiben, das die Geschäfte von Homöopathen, Anthroposophen, Neuraltherapeuten und anderen Heilpraktikern durch die Grundversicherung absichern soll. Dass es keine wissenschaftlich-rationalen Beweise für die Wirksamkeit der Methoden gibt und sie mithin Glaubenssache sind, focht die Unterschreibenden nicht an. Kein Zweifel: Wunder nehmen wir alle immer mal wieder dankbar an. Und ja: Viele, die sich auf ihren knallharten Rationalismus etwas einbilden, schwören heimlich auf allerlei Hausmittelchen und Hokuspokus – selbstverständlich auf eigene Kosten.
Besonders befremdlich scheint auf den ersten Blick, dass ausgerechnet die Linken, historisch die leidenschaftlichsten Apologeten des rationalen Diskurses, auf Seiten der Gefühlsakrobaten agieren. Aber so ist halt das politische Geschäft: Als grosses Sammelbecken der Gesundheits-Branche, die in erster Linie vom boomenden Geschäft profitiert, opfern die Sozialdemokraten ihren aufklärerischen Ansatz der Wellness ihrer Wählerschaft. Ähnliches geschieht leider auch auf anderen Gebieten. Alle Parteien, wie gesagt: bedauerlicherweise auch die linken, scheuen davor zurück, sich den Angstmachern entgegen zu stellen. Flurschäden, zum Beispiel in der Wissenschaftspolitik, nehmen sie – allen wohlfeilen Bekenntnissen zur Forschungsfreiheit und zum wirtschaftlichen Wert der Forschung in einem ressourcenarmen Land zum Trotz – ohne weiteres in Kauf.
Die Medienschaffenden sind nicht nur in den USA Teil der Emotionalisierung, auch hierzulande machen sie es sich, wie Alex Reichmuths Materialsammlung eindrücklich zeigt, im Seitenwagen von Umwelt- und Gesundheitsapostel-Unternehmern bequem. Leider wäre es falsch, auf bessere Einsicht zu hoffen. Träumen ist aber erlaubt – träumen von einer Zukunft, in der es schick ist und als journalistisch hip gilt, kritisch, distanziert und rational über technische und wissenschaftliche Errungenschaften zu berichten.
Hier gibt es mehr über Reichmuths Buch.
Die Besprechung von Al Gores kritischen Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft steht hier als PDF zur Verfügung.
Schon beim Schreiben meiner Besprechung von Al Gore‘s Buch «Angriff auf die Vernunft», in dem der frühere amerikanische Vizepräsident die systematische Emotionalisierung der amerikanischen Politik beklagt, fragte ich mich, wie weit es in dieser Hinsicht hierzulande mit uns gekommen ist. Zwar ist unser Bildungsniveau höher, und der religiöse Obskurantismus hat nicht denselben Einfluss auf die Politik wie in den USA. Aber schleichen sich nicht auch bei uns die Anti-Aufklärer auf leisen Pfoten durch unsere politischen Oberstübchen? Reichmuth bietet einige Beispiele von Kampagnen gegen Amalgam und Mobilfunkstrahlen, er schreibt über die Vogelgrippe-Hysterie und den besonders nachhaltig orchestrierten Feldzug gegen die Agrobiotechnologie und berichtet über die Unterdrückung der Meinungsvielfalt in Sachen Waldsterben, Klimawandel und Acrylamid. Er tut dies aber im grossen Ganzen ohne die politischen und ökonomischen Zusammenhänge angemessen zu berücksichtigen.
Folgerichtig kommt die Begeisterung des Publikums für so genannte alternative Heilmethoden nicht vor. Weshalb haben 140’000 Bürgerinnen und Bürger dazu überreden lassen, ein Volksbegehren zu unterschreiben, das die Geschäfte von Homöopathen, Anthroposophen, Neuraltherapeuten und anderen Heilpraktikern durch die Grundversicherung absichern soll. Dass es keine wissenschaftlich-rationalen Beweise für die Wirksamkeit der Methoden gibt und sie mithin Glaubenssache sind, focht die Unterschreibenden nicht an. Kein Zweifel: Wunder nehmen wir alle immer mal wieder dankbar an. Und ja: Viele, die sich auf ihren knallharten Rationalismus etwas einbilden, schwören heimlich auf allerlei Hausmittelchen und Hokuspokus – selbstverständlich auf eigene Kosten.
Besonders befremdlich scheint auf den ersten Blick, dass ausgerechnet die Linken, historisch die leidenschaftlichsten Apologeten des rationalen Diskurses, auf Seiten der Gefühlsakrobaten agieren. Aber so ist halt das politische Geschäft: Als grosses Sammelbecken der Gesundheits-Branche, die in erster Linie vom boomenden Geschäft profitiert, opfern die Sozialdemokraten ihren aufklärerischen Ansatz der Wellness ihrer Wählerschaft. Ähnliches geschieht leider auch auf anderen Gebieten. Alle Parteien, wie gesagt: bedauerlicherweise auch die linken, scheuen davor zurück, sich den Angstmachern entgegen zu stellen. Flurschäden, zum Beispiel in der Wissenschaftspolitik, nehmen sie – allen wohlfeilen Bekenntnissen zur Forschungsfreiheit und zum wirtschaftlichen Wert der Forschung in einem ressourcenarmen Land zum Trotz – ohne weiteres in Kauf.
Die Medienschaffenden sind nicht nur in den USA Teil der Emotionalisierung, auch hierzulande machen sie es sich, wie Alex Reichmuths Materialsammlung eindrücklich zeigt, im Seitenwagen von Umwelt- und Gesundheitsapostel-Unternehmern bequem. Leider wäre es falsch, auf bessere Einsicht zu hoffen. Träumen ist aber erlaubt – träumen von einer Zukunft, in der es schick ist und als journalistisch hip gilt, kritisch, distanziert und rational über technische und wissenschaftliche Errungenschaften zu berichten.
Hier gibt es mehr über Reichmuths Buch.
Die Besprechung von Al Gores kritischen Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft steht hier als PDF zur Verfügung.
Süss und bitter
09.07.08 20:24

175 Jahre Ringier
18.04.08 16:47
2008 ist es 175 Jahre her, dass in
Zofingen der Pfarrersohn Johann Rudolf Ringier eine Buchdruckerei
gründete. Wie daraus der grösste Medienkonzern der Schweiz wurde,
beschreibt eine – im Doppelsinn – glänzende Festschrift von Karl
Lüönd. Weil beim besten Willen auf über 500 schön gestalteten
Seiten nicht alles ausgebreitet werden kann, was die hiesige
Medienwelt ringgimässig bewegte und bewegt, erlaube ich mir, meine
Rezension mit historischem Material aus den achtziger und neunziger
Jahren etwas anzureichern. Das Material stammt zum grossen Teil aus
meiner Zeit beim KLARTEXT und ist geeignet, bei einigen gestandenen
Kolleginnen und Kollegen nostalgische Gefühle zu wecken und den
Jüngeren daran zu demonstrieren, was den Adrenalinspiegel vor
zwanzig, dreissig Jahren in die Höhe trieb.
Hier ist die Besprechung von Karl Lüönds Festschrift zu finden.
Und hier geht‘s direkt zu den Archivstücken.
Hier ist die Besprechung von Karl Lüönds Festschrift zu finden.
Und hier geht‘s direkt zu den Archivstücken.
«Medienhypes» am Radiosymposium
18.11.07 22:13
Beim
Lesen meines Bericht über das 4.
Radiosymposium am
13. November könnte der Eindruck entstehen, dass es sich beim Thema
«Medienhypes», über das zwischen den kritisierenden
Wissenschaftlern und den Medienpraktikern offensichtlich
Uneinigkeit herrschte, um nichts als eine kurzlebige Dampfblase
handle. Das Gegenteil ist richtig: Der Befund, dass die Medienwelt
angesichts eines allgemein aufregenden und emotional aufwühlenden
Vorgangs heute häufiger zu lemminghaftem Verhalten neigt, ist
zweifellos richtig. Der «Fall Seebach» ist ein musterhaftes
Beispiel für die Tendenz des Systems zur freiwilligen
Gleichschaltung. Ich halte es deshalb für wichtig, die
argumentativen Einzelteile, die im Lauf des Symposiums dazu
geäussert wurden, etwas vom Ballast beiläufigen Blablas zu
befreien. Als Voraussetzungen für Hypes wurde mehrfach die Konsum-
und Einschaltquoten-Orientierung der Medien-Unternehmen genannt.
Verleger aller politischen Couleur definierten sich und ihre
Unternehmen früher als Teil des demokratischen Service public. Die
Privilegierung der Presse bei der Posttarifen zeigt, wie sehr
dieses Selbstbild allgemein akzeptiert war. Und wie die Verleger
verhielten sich auch ihre Angestellten, die Medienschaffenden. Sie
reklamierten, mit einer Mischung aus Berufsstolz und Arroganz, die
publikums-affine Deutungshoheit über den Lauf der Dinge für sich.
In ihrem vielstimmigen, von keinem Dirigenten gestörten
Meinungskonzert war, ihrer Ansicht nach, immer die ganze Wahrheit
enthalten. Es ist logisch, dass der Wandel der Verlagshäuser zu –
oft von branchenfernen, bonus-verwöhnten Managern
geleitet – «gewöhnlichen» Unternehmen auch das
Selbstverständnis der Medienschaffenden veränderte. Heute kann man
einen Journalisten-Job zweifellos auch ohne feu sacré gut machen.
Wo aber, wie leider oft, der früher selbstverständliche dicke
Rucksack an Allgemeinbildung durch flott-forsche Oberflächlichkeit
kompensiert wird, fehlen das Selbstbewusstsein und der Mut, sich
auch ausserhalb des Mainstreams wohl zu fühlen. Was wir sehen, sind
kommunizierende Röhren: Der wirtschaftliche Umbau des Mediensystems
zieht einen Wandel des journalistischen Berufsbilds (und damit des
journalistischen Selbstverständnisses) nach sich. Was tun? Die
Konsumorientierung der Medienwirtschaft ist gesellschaftlich
offensichtlich akzeptiert. Das heisst aber nicht, dass deswegen
grundsätzlich kein guter, hochprofessioneller Journalismus möglich
wäre. «Man muss es nur wagen», wie SRDRS-Chefredaktor Ruedi Matter
richtig sagte. Die SRG-Unternehmen, die im Bereich der Information
als Leitmedien unbestritten sind, haben es in Ausbildung und
Redaktionskultur in der Hand, etwas zu tun. Noch mehr müsste man
von Universitäten und Fachhochschulen verlangen, die den
Studierenden das systematische kritische und selbstkritische Denken
einpflanzen sollten. Ursula Pia Jauchs Lamento im Ohr, sind Zweifel
angebracht, ob dies noch geschieht (oder – im
credit-points-getriebenen Studium – überhaupt geschehen
kann).
Es war Kurt Imhofs Handicap, dass es nicht gelang, dem Symposium eine kohärente Definition des Hypes vorzulegen. Die Schnittmenge der Beispiele – Seebach. Rütli, Waldsterben, Paris Hilton – war zu klein; die Belege, dass da ein übergreifendes Phänomen beobachtet wurde, waren dürftig. Gewiss: Der Ansatz ist anregend, aber eben nur als Ansatz, als Arbeitshypothese. Verstörend wirkte zudem die Beweisführung mit Hilfe von simplen (wenn auch sicher aufwändigen) quantitativen Inhaltsanalysen. Die vermögen vielleicht, die Teilnehmer eines kultursoziologischen Seminars vom Hocker zu reissen, aber altgediente Medienpraktiker können sie nicht überzeugen. Ohne eine sorgfältige qualitative Analyse, die auch – ich denke an das Waldsterben – den historischen Verlauf der Ereignisse berücksichtigt, kann nur Oberflächliches resultieren. Was ausserdem fehlte, war die Einbettung der medialen Phänomene in die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Redaktionen arbeiten nicht in Raumkapseln ohne Verbindung zur realen Welt, in der lieber fern gesehen als gelesen, lieber DJ Bobo als Charlie Parker gehört, lieber bei McDonalds als in der Eckkneipe gegessen wird. Selbstverständlich würde die Berücksichtigung all dessen
«zu weit führen». Selbstverständlich! Aber diese Lücken müssten sich doch in der Formulierung von Forschungsergebnissen niederschlagen. Das Sammeln von Äpfeln, Birnen und Blutorangen im gleichen Korb, müsste begründet werden. Leider geschah das bisher nicht. Ja, Hypes sind ein reales Problem der aktuellen Medien-Wirklichkeit. Der «Fall Seebach» ist dafür ein gültiges Lehr-Stück. Aber die übrigen Beispiele passen (noch) nicht ins Puzzle.
Und noch etwas Grundsätzliches: Wo beginnt die Gleichschaltung überhaupt? Ab wann wird der «politisch-publizistische Konflikt», den Kurt Imhof als konstituierende Konstante der Demokratie definiert, ausgeschaltet? Soll es Tabuzonen geben? Einen von allen Medienschaffenden respektierten Grundbestand von allgemein anerkannten Werten? Als jemand von Kurt Imhof wissen wollte, ob er glaube, die Rassismus-Strafnorm schränke die Medienfreiheit ein, verneinte er – aber auf ungeschickt zweideutige Art. Weniger verfänglich gefragt: Wie würde er antworten, wenn sich ein Konflikt um eindeutig antiaufklärerische Inhalte drehte? Haben zum Beispiel Kreationisten, wie sie selbst glauben, Anspruch auf Medienpräsenz?
Es war Kurt Imhofs Handicap, dass es nicht gelang, dem Symposium eine kohärente Definition des Hypes vorzulegen. Die Schnittmenge der Beispiele – Seebach. Rütli, Waldsterben, Paris Hilton – war zu klein; die Belege, dass da ein übergreifendes Phänomen beobachtet wurde, waren dürftig. Gewiss: Der Ansatz ist anregend, aber eben nur als Ansatz, als Arbeitshypothese. Verstörend wirkte zudem die Beweisführung mit Hilfe von simplen (wenn auch sicher aufwändigen) quantitativen Inhaltsanalysen. Die vermögen vielleicht, die Teilnehmer eines kultursoziologischen Seminars vom Hocker zu reissen, aber altgediente Medienpraktiker können sie nicht überzeugen. Ohne eine sorgfältige qualitative Analyse, die auch – ich denke an das Waldsterben – den historischen Verlauf der Ereignisse berücksichtigt, kann nur Oberflächliches resultieren. Was ausserdem fehlte, war die Einbettung der medialen Phänomene in die gesellschaftlichen Verhältnisse insgesamt. Redaktionen arbeiten nicht in Raumkapseln ohne Verbindung zur realen Welt, in der lieber fern gesehen als gelesen, lieber DJ Bobo als Charlie Parker gehört, lieber bei McDonalds als in der Eckkneipe gegessen wird. Selbstverständlich würde die Berücksichtigung all dessen
«zu weit führen». Selbstverständlich! Aber diese Lücken müssten sich doch in der Formulierung von Forschungsergebnissen niederschlagen. Das Sammeln von Äpfeln, Birnen und Blutorangen im gleichen Korb, müsste begründet werden. Leider geschah das bisher nicht. Ja, Hypes sind ein reales Problem der aktuellen Medien-Wirklichkeit. Der «Fall Seebach» ist dafür ein gültiges Lehr-Stück. Aber die übrigen Beispiele passen (noch) nicht ins Puzzle.
Und noch etwas Grundsätzliches: Wo beginnt die Gleichschaltung überhaupt? Ab wann wird der «politisch-publizistische Konflikt», den Kurt Imhof als konstituierende Konstante der Demokratie definiert, ausgeschaltet? Soll es Tabuzonen geben? Einen von allen Medienschaffenden respektierten Grundbestand von allgemein anerkannten Werten? Als jemand von Kurt Imhof wissen wollte, ob er glaube, die Rassismus-Strafnorm schränke die Medienfreiheit ein, verneinte er – aber auf ungeschickt zweideutige Art. Weniger verfänglich gefragt: Wie würde er antworten, wenn sich ein Konflikt um eindeutig antiaufklärerische Inhalte drehte? Haben zum Beispiel Kreationisten, wie sie selbst glauben, Anspruch auf Medienpräsenz?
Über Schraubdeutsch und PushUp-Speak
24.08.07 20:18
Der Neusprech (George Orwells
«Newspeak») unserer Tage dient nicht mehr nur der Verschleierung
einer autoritären Herrschaft, sondern sättigt, wie der Zürcher
Radiologie-Professor Werner Baumann in einem teils amüsanten, teils bissigen Beitrag in der
Schweizerischen Ärztezeitung feststellt, inhaltsarmes Blabla
mit heisser Luft. Baumann zitiert in der Einleitung zu seinem
«Taschenwörterbuch des Gesundheitswesens» das beispielhafte
«Leerdeutsch» eines real existierenden «bio-psycho-sozialen
Behandlungskonzepts». Neben dem Leerdeutsch dienen auch das
«Dummdeutsch» (ein Begriff des Schriftstellers Eckhard Henscheid)
und das «Schraubdeutsch» der Bedeutungsschwängerung von
Banalitäten. Spassig ist Baumanns Übersetzung des
Dampfplauderer-Idioms als «PushUp-Speak», die «wie das ähnlich
benannte Damenbekleidungsstück, übersteigerte Erwartungen bezüglich
Höhe und Volumen des Inhaltes» wecke. Leider entwertet der Autor
seinen lobenswerten Ansatz indem er im Schlagwortverzeichnis die
für das Ärztemilieu typischen politischen Duftmarken setzt. Für
Journalistinnen und Journalisten kann Baumanns Wörtersammlung
gleichwohl als Anregung dienen, sich von den Dampfblähungen der
Verlautbarungen von Parteien, Verbänden und Interessengruppen nicht
verführen zu lassen. Allzu oft, da hat Baumann Recht, dienen
Imponier-Vokabeln wie «Handlungsbedarf», «kostenneutral» oder
«thematisieren» zum Aufhübschen von Selbstverständlichkeiten.
Bedenkenswert: Das Modewort «nachhaltig», das ursprünglich
«dauerhaft» bedeutete, ist «inzwischen zur leerdeutschen Worthülse
mit universaler Verwendung verkommen».


