Fünf Gründe für das Buch «Mais nach Mass»

Erstens
Noch nie wurde ein landwirtschaftliches Entwicklungshilfe-Projekt über so lange Zeit so genau unter die Lupe genommen wie IRMA (Insektenresistenter Mais für Afrika). Und noch nie durfte über Erfolge und Misserfolge so offen berichtet werden.

Sechs Jahre lang begleitete der Autor Maiszüchtende, Molekularbiologen, Insektenkundige, Sozial- und Agrarwissenschaftler bei ihren Bemühungen, den armen Kleinbauern Afrikas im Kampf gegen den Stängelbohrer beizustehen und die Ernteverluste durch Insektenfrass zu verringern. Er sprach mit Dutzenden von Bauernfamilien in den Maisanbau-Gebieten Kenias, er diskutierte mit Forschenden und Funktionären und verfolgte die Debatten an den öffentlichen Jahreskonferenzen der Projektorganisation; und er nahm an Planungsseminaren der Forschenden ebenso teil wie an den Treffen der Projektleitung.

Zweitens
«Mais nach Mass» berichtet kritisch und anschaulich über ein komplexes wissenschaftliches Vorhaben, das alle zur Verfügung stehenden Methoden der Pflanzenzüchtung – gentechnische ebenso wie konventionelle – parallel einsetzte, um sein Ziel zu erreichen.

Gemessen an den Erwartungen der Projektpartner – das Internationale Mais- und Weizeninstitut (CIMMYT) in Mexiko und die kenianische Landwirtschaftliche Forschungsanstalt (KARI) als wissenschaftlich Verantwortliche sowie die Syngenta Stiftung für Nachhaltige Landwirtschaft (SFSA) und, in einer späteren Phase, die Rockefeller Stiftung als Geldgeberinnen – erwiesen sich einzelne Projektvorgaben als zu ambitiös. So war etwa der Zeitrahmen zu eng bemessen und die Beschränkung auf Genmaterial öffentlicher Forschungseinrichtungen entpuppte sich als Wunschtraum.

Drittens
Der Autor ergänzt seinen chronologischen Bericht über das konkrete Entwicklungsprojekt mit Kommentaren und einer Fülle von Zusatzinformationen. Sie sollen den Lesenden helfen, sich in der Auseinandersetzung um «grüne Gentechnik für die Dritte Welt» ein eigenes Urteil zu bilden.

In Exkursen beleuchtet der Autor unter anderem
die für Ostafrika typische Landwirtschaft Kenias als Agri-Kultur,
die Auseinandersetzung über Sinn oder Unsinn gentechnisch veränderten Saatguts für afrikanische Kleinbauern,
die Geschichte der Pflanzenzüchtung von Mendels Kreuzungsversuchen mit Erbsen bis zur modernen Mikrobiologie,
die Behinderung der angewandten Forschung öffentlicher Institutionen durch ein fragwürdiges Patentrecht

Viertens
Am konkreten Beispiel zeigt das Buch zudem. wie moderne Entwicklungsprojekte für die Dritte Welt konzipiert sein müssen, wenn sie eine dauerhafte Wirkung erzielen sollen.

Das konkrete Vorhaben, insektenresistente Maissorten zu erzeugen, bot sowohl jungen als auch schon etablierten einheimischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit, im eigenen Land und in einem internationalen Team Spitzenforschung zu treiben. Neben der Förderung des akademischen Nachwuchses half das Projekt mit, dem verheerenden Braindrain, dem Afrika ausgesetzt ist, entgegen zu wirken.

Fünftens
Die im Buch enthaltenen Beiträge der ausgewiesenen Experten Richard Gerster (Vorwort) und Franz Nuscheler (Nachwort) bereichern mit ihren profilierten Stellungnahmen die vom Autor neue belebte Debatte über grüne Gentechnik für die Dritte Welt.

24.8.2007/bgi.
Porträt Madörin klein Kurt Madörin
Beitragsfreie AHV für Afrikas Grossmütter

Wegen HIV/Aids wächst südlich der Sahara eine ganze Generation junger Afrikanerinnen und Afrikaner weitgehend ohne Eltern auf. Wer Glück hat, verliert nur Vater oder Mutter. Viele haben kein Glück und wachsen elternlos bei Verwandten auf. Vor allem Grossmütter helfen, wo sie können – auch wenn Ihre Kräfte nur knapp zur Selbstversorgung reichen. Diese Alten, fand der Basler Soziologe Kurt Madörin (der mit der Organisation Humuliza im abgelegenen Nordwesten Tansanias seit Jahren Aids-Waisen beisteht), brauchen Unterstützung, damit sie ihre Enkel stützen können. Vier Jahre nach Gründung seines Hilfswerks Kwa Wazee weiss Madörin, wie wirkungsvoll regelmässig ausbezahlte kleine Renten materielles und soziales Elend bannen können.

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Jetzt belegt auch ein ausführlicher Evaluationsbericht, die Richtigkeit dieser Beobachtungen. Das Hilfswerk KwaWazee unterstützt derzeit (August 2008) über 750 Grossmütter mit rund 600 Enkelkindern.

Hier steht meine Zusammenfassung des Gutachtens als PDF zur Verfügung.

Das Hilfswerk KwaWazee bietet auf seiner Website eine Kurzfassung auf Deutsch.

Hier steht eine Zusammenfassung auf Englisch als PDF zur Verfügung.

Und hier ist der ganze Text der Evaluation (135 Seiten) zum Download bereit.

In einem Interview nimmt Kurt Madörin Stellung zur Frage, wie künftig die Nachhaltigkeit des beitragslosen Rentensystems gewährleistet werden könnte.Klar ist, dass ein spenden-finmanziertes Hilfswerk weder dem schnellen Wachstum noch dem Erfordernis nach Dauerhaftigkeit standhalten kann. Anderseits bietet eine private Organisation in der Pionierphase, die noch nicht abgeschlossen ist, den grossen Vorteil, dass nicht alles im ersten Anlauf klappen muss.

Hier steht das ganze Interview als PDF zur Verfügung.

Zum Beispiel von Leonida Tibangonza.

An einem Symposium in Bern diskutierten am 23. Oktober 2007 Fachleute unter dem Titel «Die Zukunft ist grau. Alte Menschen in der HIV/Aids-Krise – Opfer und HoffnungsträgerInnen» Madörins wegweisendes Pilotprojekt, das mit Beiträgen der Mitglieder von Kwa Wazee und weiteren Zuwendungen alten Frauen (und auch ein paar alten Männern) ein Leben in Würde ermöglicht. Die Armut, erklärte Kurt Madörin, kann mit den minimalen Beträgen von umgerechnet sechs Franken pro Monat nicht wirklich bekämpft werden. Aber die Minirente und die Zulage von drei Franken pro betreutes Kind, entfalten eine geradezu magische Wirkung. Über Geld zu verfügen, trägt nämlich unmittelbar zur sozialen Stabilisierung der Empfängerinnen bei.
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Stille Heldinnen Einladung_Seite_2
Stille Heldinnen
nennt Christoph Gödan die Grossmütter, die er in der abgelegenen tansanischen Region Kagera und in einem Township Debaka in Durban (Südafrika) fotografierte. Heldinnen sind die alten Frauen in erster Linie deshalb, weil sie, weitgehend auf sich allein gestellt und ungeachtet ihrer Armut und eigener Krankheit, ihre durch HIV/Aids verwaisten Enkel erziehen. Zum Beispiel Mhlangha Nolinga (Bild), 59, Mutter von acht Kindern, von denen sie drei schon kurz nach der Geburt verlor, zwei Töchter starben vor Jahren an Aids. Nun wohnt sie in drei kleinen Zimmern mit ihren beiden überlebenden Töchtern und deren Kinder zusammen. Der Haushalt lebt von monatlich 380 Rand (40 Euro) Kinderzulagen. Nach ihrem 60. Geburtstag wird Mhalangha die beitragsfreie Mindestrente von 780 Rand erhalten. Meliana Bwijuka in Nshamba (Tansania), 82, kann von staatlicher Hilfe nur träumen. Die drei Enkelinnen, die sie bei sich aufgenommen hat, bringt sie nur dank der kleinen Rente durch, die sie vom Hilfswerk Kwa Wazee erhält. Auch die Familie ihres Sohnes mit fünf Kindern profitiert von der Unterstützung. Der Sohn allein, der hin und wieder als Taglöhner unterwegs ist, könnte nicht für alles aufkommen. Weit reicht Grossmutters Rente, die für Kerosin, Salz, Mehl und Schulhefte verwendet wird, allerdings nicht. Oft genug geht die Familie ohne Abendessen zu Bett. Christoph Gödan, hat den einzelnen Grossmüttern und ihren Enkeln viel Zeit gewidmet und ihr Vertrauen gewonnen. Seinen Porträts ist das anzusehen. Sie zeigen selbstbewusste, starke Frauen, die sich – allen Sorgen zum Trotz – ihre natürliche Würde bewahren konnten. Gödans Arbeit in Afrika wurde durch ein Stipendium der VG Bildkunst gefördert. Die eindrückliche Ausstellung ist weiter auf Tour durch Deutschland.
Titelseite Mais nach Mass

Mais nach Mass

Kleinbauern in Afrika leiden in starkem Mass unter Ernteverlusten durch Stängelbohrer. Das Projekt «Insektenresistenter Mais für Afrika» (IRMA), das 1999 vom Internationalen Mais- und Weizeninstitut (CIMMYT) in Mexiko und dem Kenianischen Landwirtschaftlichen Forschungsinstitut (KARI) in Nairobi gemeinsam in Angriff genommen wurde, will das Problem mit der Züchtung neuer, an die verschiedenen klimatischen Zonen Kenias angepasster Maissorten lösen. Da Insektizide für die meisten Bauern unerschwinglich (und im Gebrauch oft auch zu gefährlich) sind, muss der Widerstand gegen die Schädlinge von den Pflanzen selbst entwickelt werden. Nach dem heutigen Stand des Wissens ist das sowohl durch konventionelle Züchtung als auch durch den gentechnischen Einbau eines Endotoxins (Bt-Mais) möglich. Im Bewusstsein, dass der gentechnische Teil des Projekts Kontroversen auslösen konnte, beauftragte die Geldgeberin - die Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung, deren Landwirtschaftsprojekte 2002 von der neu gegründeten Syngenta Stiftung für Nachhaltige Landwirtschaft übernommen wurden - den erfahrenen Publizisten Jürg Bürgi mit der Begleitung des Projekts. Er sollte sicherstellen, dass die Errungenschaften und möglichen Mängel des Vorhabens festgehalten und der Öffentlichkeit zur Debatte gestellt würden.

Dies geschieht nun mit dem Buch «Mais nach Mass». Der Autor ergänzt seine kritisch-distanzierte chronologische Beschreibung des Projektverlaufs von 1999 bis 2005 durch Zwischenkapitel zu grundsätzlichen Aspekten landwirtschaftlicher Entwicklungspolitik; Momentaufnahmen des Alltags kenianischer Kleinbauern und Porträts der Mitglieder des Projektteams runden die umfassende Darstellung ab (
Inhaltsverzeichnis). Mit scharfen Worten geisselt Bürgi die Kurzsichtigkeit der Gentechnik-Kritiker aus der Hilfswerke-Szene im reichen Norden und die Arroganz der Saatgut-Konzerne: Beide behindern die öffentliche Agrarforschung in der Dritten Welt und damit die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen.

«Die Privatwirtschaft», heisst es im Schlusskommentar, «hält die real existierende, mit öffentlichen Mitteln geförderte agrobiotechnologische Forschung im Schwitzkasten. Die Saatgut-Multis allein bestimmen, wer, wann und wo von den Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Gentechnik profitieren darf. Dass dies so ist und auf absehbare Zeit so bleiben wird, ist nicht zuletzt den Gentechnik-Gegnern in den Industrieländern zuzuschreiben, die mit ihren irrationalen Angstmacher-Kampagnen eine Stärkung der öffentlichen Forschung weitgehend verhindern und eine echte Debatte über Vorteile und Risiken der Biotechnologie hintertreiben. Es ist, man kann das nicht oft genug wiederholen, eine Sache, wenn Körnerpicker und biologisch-dynamische Landwirte in den reichen Ländern ihre Geschäftsideen mit allen Mitteln verteidigen, aber eine ganz andere, wenn sich Entwicklungshelfer aus Angst um ihre Spendeneinnahmen indirekt zu Komplizen von Multis machen, die allein darüber befinden, welche Märkte sie in der Dritten Welt mit welchen Produkten erschliessen möchten. Nicht nur die Kleinbauern Kenias, die weder für Düngemittel noch für Pestizide Geld ausgeben können und auf den Nachbau ihrer Maissaat angewiesen sind, warten darauf, dass sich die Hilfswerke aus ihrer selbstgebauten Neinsager-Falle befreien und in einen rationalen Diskurs über die Chancen und Risiken der Agrobiotechnologie für die Dritte Welt eintreten.»

Das Buch ist farbig reich illustriert und allgemein verständlich geschrieben. Die klaren Positionsbezüge des Autors sind geeignet, die Debatte über die landwirtschaftliche Entwicklungspolitik und die Verwendung moderner Pflanzenzüchtungsmethoden auf rationaler Basis zu beleben.

Das
kritische Nachwort des deutschen Entwicklungspolitik-Experten Franz Nuscheler und das Vorwort des Schweizer Fachmanns Richard Gerster zeigen, wie unterschiedlich die Ansichten des Autors beurteilt werden können. In einem sind sich die Spezialisten allerdings einig: «Der Grundsatz der Transparenz hat diese Publikation erst möglich gemacht und verdient höchste Anerkennung» (Gerster); der Projektbericht sollte «nicht nur zur Pflichtlektüre in agrarwissenschaftlichen Fakultäten, sondern auch in entwicklungswissenschaftlichen Studiengängen – und nicht zuletzt auch in Instruktionsseminaren der heftig attackierten Hilfswerke
und NGOs – gehören» (Nuscheler).

Hinweis für Kolleginnen und Kollegen aus den Medien

Bestellen Sie Ihr Rezensionsexemplar direkt beim hep-Verlag/Ott-Verlag, Bern.

Frau Andrea Egger gibt Ihnen gern schriftlich oder am Telefon weitere Auskünfte (
andrea.egger@hep-verlag.ch, Tel. +41 31 318 31 33) und kann Ihnen auf Anfrage das Buch sofort als PDF zur Verfügung stellen.
978-3-0340-0868-6
Berufsneger Nayo

Die Zürcher Publizistin Rea Brändle hat nach jahrelanger Forschung in Europa und Afrika aufgrund schriftlicher und mündlicher Überlieferung die faszinierende Auswanderer-Geschichte des 1859 geborenen togolesischen Schaustellers und Unternehmers Nayo Bruce und seiner weit verstreuten Nachkommen rekonstruiert und sie mit der Einwanderer-Geschichte des gleichaltrigen Schweizer Missionars Ernst Bürgi kontrastiert. Herausgekommen ist ein auf seltsame Weise unfertiges Buch, eine Art Steinbruch aus einzelnen Erzählstücken und Szenen. Auffallend sind nicht die Lücken, die nicht überbrückt sind, sondern die Fülle der Informationen, die unorganisiert bleiben. Es entsteht der Eindruck, dass es die Autorin mit ihrem Material nicht mehr länger ausgehalten hat und sich mit der Publikation entlasten musste. Sosehr dieser Druck der Dramaturgie des Werkes schadete: Rea Brändle verdient Aufmerksamkeit für ihr faszinierendes Stück Geschichtsschreibung und höchste Bewunderung für ihre Recherchierleistung.

Brändle, Rea: Nayo Bruce. Geschichte einer afrikanischen Familie in Europa. Zürich 2007 (Chronos Verlag)

Hier steht die ausführliche Besprechung als PDF zur Verfügung.

Und hier gibt es einen provisorischen Stammbaum der Familie Nayo Bruce (Informationen aus dem Buch) als PDF.
Befreite Partnerschaft

Auf die Idee, den Bericht über das
Symposium 2007 der Novartis Stiftung für Nachhaltige Entwicklung (NFSD) in den grösseren Zusammenhang der aktuellen entwicklungspolitischen Debatten zu stellen, brachte mich die Neue Zürcher Zeitung. Sie berichtete auf so erschreckende Weise uninformiert und unreflektiert über das Symposium, dass sich eine gründliche Erläuterung der Zusammenhänge aufdrängte. Es bot sich damit auch eine gute Gelegenheit, die Dokumente, die in den nächsten Jahren den entwicklungspolitischen Diskurs massgebend bestimmen werden – das «Abuja Commitment» und die «Erklärung von Paris über die Wirksamkeit der Entwicklungszusammenarbeit» der OECD von 2006 und die am 9. Dezember 2007 verabschiedeten Vereinbarungen über die «Strategische Partnerschaft Afrika – EU» verfügbar zu machen. Wer die Papiere aufmerksam liest, erkennt eine neue, von früheren paternalistischen Ansätzen befreite Partnerschaft: Hilfe und Unterstützung werden einerseits an Bedingungen gebunden und von Erfolgskontrollen begleitet. Anderseits sind es nicht mehr die Geberländer, die bestimmen, was und wie sie helfen, vielmehr definieren die Empfänger ihre Bedürfnisse. Dass auch dies nicht immer konfliktfrei abläuft, zeigten einzelne Referate am NFSD-Symposium.

Ausführlicher Bericht als PDF...
Video der einzelnen Referate auf der NFSD-Website.
Grosse Mütter

Ein eindrückliches Buch ruft in Erinnerung, wie schwer die Last ist, die afrikanische Grossmütter zu schultern haben, wenn sie nach dem frühen Aids-Tod ihrer Kinder die Enkel bei sich aufnehmen. Das Hilfswerk Kwa Wazee unterstützt sie dabei.

Hier steht die mit neuen Fakten über das erfolgreiche Hilfswerk Kwa Wazee ergänzte Buchbesprechung in voller Länge als PDF zur Verfügung.

Weitere Informationen über Kwa Wazee und seinen Gründer Kurt Madörin ist weiter unten auf dieser Seite zu finden.
Und hier geht es direkt zum Hilfswerk.

Anna-Maria Martin war 82, als sie sich 2006 in Itongo, einem Dorf im Nordwesten Tansanias, bereit erklärte, Christoph Gödan Modell zu sitzen. Der deutsche Fotograf hielt sich im Auftrag des deutschen Hilfswerks HelpAge und des schweizerischen Vereins Kwa Wazee in der Gegend auf, um die Unterstützung von Grossmüttern zu dokumentieren, die ihre verwaisten Enkel bei sich aufgenommen hatten.

Anna-Maria Martin klein
«Das Einzige, was mir noch Freude bereitet», sagte die alte Frau dem Besucher, «ist meine Enkelin Odeta. Ansonsten sehe ich keinen Grund, warum ich noch leben sollte. … Mir bleibt nur die Trauer, um meine vielen verstorbenen Kinder.» Vier starben, als sie noch klein waren, fünf als Erwachsene an HIV/Aids und Malaria, nur ein Sohn ist noch am Leben. Dass er seine Mutter unterstützt, wie das der Tradition entspräche, ist nicht möglich. Für ihre Enkel – neben Odeta gibt es noch einen Jungen, das baufällige Haus der Grossmutter nur als Schlafplatz benützt – ist Anna-Maria Martin die einzige Bezugsperson, Ernährerin und Erzieherin zugleich.

Als
Christoph Gödan vor fünf Jahren Aufnahmen machte und die alten Frauen behutsam zum Reden brachte, hatte der Schweizer Soziologe Kurt Madörin im nahen Nshamba begonnen, Anna-Maria Martin und weiteren 400 alten Leuten kleine Summen auszuzahlen, damit sie Salz und Seife kaufen konnten. Fünf Jahre später profitieren fast 1000 Grossmütter (und einige Grossväter) von beitragslosen Renten. Sie sind mit 10’500 Tansania-Shilling (derzeit rund 5 Euro) für Alleinstehende und zusätzlich 6’000 TZS pro Kind so hoch, dass sie das Überleben sichern sollten. Wegen einer Dürre in der Winter-Regenzeit 2010 und zu viel Regen im Herbst 2011 mussten die Beträge zwei Mal um 4’000 TZS ergänzt werden.

Nur so war es möglich, die drohende Hungerperiode zu entschärfen. Weil nicht nur das Wetter die Ernten beeinträchtige, sondern zudem eine gefährliche Bakterienkrankheit die Kochbananen-Stauden befiel, mussten viele Menschen in der Region mit bloss einer Mahlzeit pro Tag auskommen. Manchmal, heisst es im Jahresbericht 2011, war es auch weniger. Mangelernährung macht den Körper anfällig für Krankheiten. Nicht überraschend nahmen die Malariafälle und andere Infektionskrankheiten im letzten Jahr massiv zu.
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Christoph Gödan: «Die grossen Mütter. Leben mit Aids in Afrika». Wien 2012 (Mandelbaum Verlag). 142 Seiten, ca. € 29.90