Louise Bourgeois: Seelische Abgründe

Als Brückenbauerin zwischen Klassischer Moderne und zeitgenössischer Kunst präsentiert die Fondation Beyeler vom 3.9.2011 bis zum 8.1.2012 die franko-amerikanische Künstlerin Louise Bourgeois (1911-2010) mit 21 Werke und Werkgruppen inmitten ausgewählter Exponate der eigenen Sammlung.

Hier steht die Besprechung in voller Länge als PDF zur Verfügung.

Als sie 12 Jahre alt war, vertraute Louise Bourgeois, Tochter eines leidlich wohlhabenden Besitzers eines Ateliers für die Restaurierung alter Tapisserien, ihrem Tagebuch «schwarze Gedanken» an. Kurz davor hatte sie formuliert: «Ich verzweifle, aber ich kann den Mut nicht finden nachzudenken, dabei habe ich eine ganze Menge zu bedenken, Geheimnisse zu ergründen, alle diese Sorgen sind nicht gross für euch, aber für mich ist das nicht das Gleiche.»

Louise Bourgeois klein
Auch als Erwachsene war Louise Bourgeois ständig in seelischer Not. In ihren Tagebuch-Notizen türmen sich nach Angaben von Kurator Ulf Küster, der Gelegenheit erhielt, in die Papiere Einblick zu nehmen, «Vorwürfe, Selbstvorwürfe, Beschwörungen und Selbstbeschwörungen», ihre «Qualen der Eifersucht und des Neides, die Rachefantasien, der Hass und der Selbsthass» seien «für den Leser nur schwer zu ertragen.» «Das Biest in mir, das mich in der Nacht aufweckt», schrieb sie, «das ist der Hass.»

Zweifellos wurde das künstlerische Werk Louise Bourgeois’ weitgehend von den schweren Traumata bestimmt, die lebenslang ihre Seelennot dirigierten: Der frühe Tod der über alles geliebten und bewunderten Mutter äusserte sich in ihrer Furcht, allein gelassen zu werden – auch vom Vater, von dem sie sich gleichzeitig angezogen und abgestossen fühlte. Er war ein herrischer Mensch, der seine Frau oft und offen betrog, auch im eigenen Haus. Mit dem jungen englischen Au-pair Sadie, dem Louise sehr zugetan war, begann er eine Liebschaft. Die seit der überstandenen Spanischen Grippe unter schweren Atembeschwerden leidende Mutter nahm die Untreue schweigend hin, wie die Tochter entsetzt feststellte.
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Anhand der ausgestellten Werke schrieb Ulf Küster für der Reihe «Kunst zum Lesen» eine biografische Studie.
Ulf Küster: Louise Bourgeois. Ostfildern 2011 (Hatje Cantz Verlag) 144 Seiten, ca € 16.80.
Das Porträt von Louise Bourgeois ist dieser Publikation entnommen.
Surrealismus in Paris: Kraft des Unbewussten

Die erste umfassende Ausstellung zum «Surrealismus in Paris» in der Schweiz zeigt vom 2. Oktober 2011 bis zum 29. Januar 2012 in der Fondation Beyeler in Riehen 290 Werke von 40 Künstlerinnen und Künstlern. Die von Philippe Büttner sorgfältig kuratierte Schau, demonstriert in eindrücklicher Weise, welche Fesseln sprengende Kraft in der Bewegung steckte, die nach dem Ersten Weltkrieg Künstler aller Disziplinen erfasste.

Hier steht die ausführliche Beschreibung als PDF zur Verfügung.

1938 realisierten Paul Eluard und André Breton in der Pariser Galerie Beaux-Arts, Rue du Faubourg Saint-Honoré eine spektakuläre «Exposition internationale du surréalisme». Gestaltet von Marcel Duchamp, Salvador Dalí und Max Ernst versammelte die Schau 300 Werke von rund 60 Künstlern aus 14 Ländern. Für die Besucher war es ein verstörendes, furchteinflössendes Gesamtkunstwerk, für die Kunstwelt «die Erfindung der künstlerischen Ausstellungsinszenierung», wie Annabelle Görgen (Die Ausstellung als Werk. Katalog S. 253ff.) feststellt.

Dresseur
In der unübersehbaren Zahl der Exponate waren die Einzelstücke kaum zu erkennen. Die Solisten wurden zu einem Chor zusammen gezwungen, der für die richtige surrealistische Atmosphäre zu sorgen hatte. Für Breton und seine Mitstreiter ging es um eine Demonstration, eine Parade, die Macht und Einfluss ihres revolutionären Kunstverständnisses belegen sollte, an dem sie einzeln und gemeinsam seit den frühen zwanziger Jahren gebastelt hatten.

Breton, der seine Bewegung seit 1924, als er sein erstes Surrealistisches Manifest veröffentlichte, mit eiserner Hand geführt und immer wieder Abweichler diszipliniert und, wenn nötig, gnadenlos ausgeschlossen hatte, dürfte sich am Vorabend des Zweiten Weltkriegs keinen Illusionen hingegeben haben: Es muss ihm bewusst gewesen sein, dass sein Projekt einer einheitlichen ebenso revolutionären wie künstlerisch freiheitlichen Bewegung gescheitert war. Der Zulauf von Newcomern hielt sich in Grenzen und mit vielen seiner erprobten Adlaten gab es Zoff. Noch kurz vor Ausstellungsbeginn am 17. Januar hatte Paul Eluard, Mitstreiter seit 1919, in der stalinistischen und antisurrealistischen Zeitschrift Commune einige Gedichte veröffentlicht. Max Ernst und Man Ray neigten mit Eluard unverhohlen den stalinistischen Parolen zu, die von den Künstlern Linientreue einforderten. Und Salvador Dalí tat sich schon seit längerem mit seinen Sympathien für den Faschismus keinerlei Zwang an.
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Zur Ausstellung erscheint ein opulent illustrierter Katalog mit kenntnisreichen Beiträgen von Philippe Büttner, Robert Kopp, Julia Drost, Philip Rylands, Annabelle Görgen sowie Erläuterungen ausgewählter Werke und einer Chronologie des Surrealismus-

Philippe Büttner (Hrsg.): Surreralismus in Paris. Riehen/Ostfildern 2011 (Beyeler Museum AG/Hatje Cantz Verlag), 290 Seiten, CHF 68.00.

(Im Bild porträtierte Francis Picabia André Breton, den Zuchtmeister des Surrealismus, als «Dresseur des animaux».)
Rudolf Steiner: Alchemist des Alltags

Das Vitra Design Museum in Weil am Rhein stellt vom 15. Oktober 2011 bis zum 1. Mai 2012 Rudolf Steiners gestalterische Arbeit in den Zusammenhang seines Strebens nach der alles umfassenden Einheit von Geist und Materie. Die Ausstellung wird begleitet von einem reichhaltigen Veranstaltungsprogramm.

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Wer glaubt, Rudolf Steiners Möbel-Entwürfe, seine vom Jugendstil und mehr noch vom Expressionismus inspirierten Bauten seien purer kreativer Freude entsprungen, liegt falsch. Anderseits wäre es aber auch ein Missverständnis, seinen gestalterischen Aktivitäten den künstlerischen Willen abzusprechen.

Alles hängt bei Rudolf Steiner mit allem zusammen. Sein Anspruch umfasst alles: Theorie und Praxis, Geist und Materie, Denken und Handeln. Sein Lebenswerk besteht aus Weltentwürfen und umfasste alle Disziplinen der Wissenschaft – Geologie, Botanik, Zoologie, Anthropologie, Philosophie und Psychologie – und alle möglichen Anwendungsgebiete – Schule, Heilkunde, Landwirtschaft, Architektur, Kunst und Religion.

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In dieser Beziehung stand er zu Beginn des 20. Jahrhunderts keineswegs allein da. Die Zeitenwende regte die Menschen an, das Grosse und Ganze ins Auge zu fassen. Die wenigsten Reformer jener Zeit, hielten sich mit der Erneuerung einzelner Lebensaspekte auf, vielmehr ging es darum, alles aufs Mal in Frage zu stellen.

Steiners Stärke – und seine Wirkung – beruhte auf seiner Fähigkeit, alles mit allem in Verbindung zu bringen. Seine Vorträge, die er vor allem in seinen späteren Jahren auf professionell organisierten Tourneen in ganz Europa hielt, waren Kult. Und er bediente die ständig wachsende Schar begeisterter Anhänger kontinuierlich mit neuen Ideen und Erläuterungen.

Rudolf Steiner hatte dabei keinerlei Hemmungen, sich von Anderen inspirieren zu lassen. Wie auch? Sein universeller Anspruch setzte voraus, dass ihm alles, was vor ihm je gedacht worden war, zur Verfügung stand. Das gilt nicht nur für seine Soziallehre, sondern auch für seine gestalterischen Erfindungen, wie die Ausstellung im Vitra Design Museum eindrücklich zeigt.
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Der
Katalog zur Ausstellung «Rudolf Steiner – Alchemie des Alltags» ist sehr sorgfältig gestaltet und reich illustriert. Herausgegeben von Mateo Kries und Alexander von Vegesack enthält er Aufsätze von Walter Kugler, Wolfgang Zumdick, Julia Althaus, Wolfgang Pehnt, Markus Brüderlin, Reinhold J. Fäth, Pieter van der Ree, Andreas Ruby, Mateo Kries, Philip Ursprung und Manuel Gogos. Weil am Rhein 2011 (Vitra Design Museum), 336 Seiten, € 79.90.
Robert Breer: Schule des Sehens

Abstraktion und Bewegung prägen das einzigartige Künstlerleben von Robert Breer (1926-2011): Als Maler verschrieb er sich der radikalen Vereinfachung, als Filmer suchte er die Wurzeln der Wahrnehmung und als Plastiker setzte er elementare Formen in Bewegung.

Vom 26. Oktober 2011 bis zum 29. Januar 2012 zeigt das Museum Tinguely in Basel erstmals in der Schweiz einen umfassenden Überblick über Breers eigenständiges Werk.

Hier steht er vollständige Text der Ausstellungs-Besprechung zur Verfügung.

Irgendwann in den siebziger Jahren erstellte Robert Breer zwei Listen. Die erste hiess «Kunst als Haltung» (Art as attitude) versus «Technik
als dasselbe» (Engineering as same) und die zweite «Techniker versus Künstler» (Engineers vs. Artists). Beide Aufzählungen, stellen Haltungen und Merkmale der technischen und der künstlerisch-kreativen Intelligenz gegenüber.

Einzelne Eigenschaften versah Breer mit einem Fragezeichen. Er wollte sich zum Beispiel nicht festlegen, ob die Kunst «weiblich» und die Technik «männlich» sei.

Messer
Die Listen stecken das Spannungsfeld ab, in dem sich Breer mit seinen künstlerischen Bemühungen bewegte. Er entstammte dem Techniker-Milieu – sein Vater war als Ingenieur in der Autoindustrie tätig. Und er selbst brach seine Maschinenbauer-Ausbildung zugunsten eines Kunststudiums ab.

Die Gegensatz-Paare, welche in der Aufstellung auf einander treffen, zeugen auch von Breers Witz. So charakterisiert der Satz «Du bist betrunken» (you’re drunk) die Nüchternheit des Technikers, und die Einschätzung «Ich bin entspannt» (I’m relaxed) den kreativen Umgang des Künstlers mit der Realität.

Und im Begriffspaar intelligence (Intelligenz) und cleverness (Begabung, Klugheit, Schläue) konzentriert er die ganze Spannbreite zwischen Techniker und Künstler, die er auch in den immer ambivalent verstandenen Begriffspaaren «Schwere» und «Leichtigkeit», «Überzeugung» und «Arroganz», «Kraft» und «Schwäche», «Ordnung» und «Anarchie» durchspielt.

Breers überaus aufschlussreiche Listen zeugen nicht nur von den zwei Seelen, die er in sich vereinigte, sondern auch von der Wachheit, mit der seine Arbeit als Künstler reflektierte, der von der Technik zeitlebens fasziniert blieb.
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Der von Kurator Andres Pardey redigierte Katalog zur Ausstellung enthält Essays der Kuratoren und der Medienwissenschaftlerin Ute Holl.
Robert Breer. Bielefeld 2011 (Kerber Verlag), 168 Seiten, CHF 42.00, EUR 35.00.