Selbstbewusste Journalisten
15.11.09 13:08 Abgelegt
in:
Medien und
Journalismus

Wie
langwierig das Aufräumen und Entsorgen von Archivschachteln und
verstaubten alten Zeitschriften ist, weiss jede und jeder, die sich
im fortgeschrittenen Alter auf einen Umzug vorbereitet. Stundenlang
hockt man auf dem Boden und liest, was man vor vielen Jahren
weglegte, um es später als Erinnerungsstütze zu nutzen oder der
Nachwelt zu erhalten. Die Stern-Ausgaben mit den gefälschten
Hitler-Tagebüchern gehören zweifellos zu dieser Art von
Erinnerungsstücken. Jetzt, beim Blättern in den staubigen
Zeitschriften, zeigt sich aber, dass weniger die in vielen
Publikationen beschriebene Fälschungs-Geschichte bleibendes
Interesse verdient, als vielmehr der Aufstand der «Stern»-Redaktion
gegen die Art, wie die Verlagsmanager die Krise zu bewältigen
suchten. Klar, dass die verantwortlichen Chefredaktoren sofort
zurücktreten mussten. Ebenso klar, dass sofort neue Leute
nachrücken sollten. Als aber Herausgeber Nannen und Verleger
Schulte-Hillen über Nacht und ohne Konsultation der
Redaktionsgremien zwei für ihre konservativen Ansichten notorische
Kollegen installieren wollten – Johannes Gross und Peter
Scholl-Latour – brach ein Sturm los, den man sich heute kaum mehr
vorstellen kann. Knallhart und selbstbewusst stellten die
Redaktorinnen und Redaktoren ihre Forderungen und verteidigten ihre
Rechte. Was für ein Kontrast, wenn wir daran denken, dass in der
Schweiz (und nicht nur hier) die proigressiven Journalistinnen und
Journalisten schon vor Jahren Deckung in einer «Mediengewerkschaft»
gesucht haben, und dass sie nun daran sind, sich in einem noch
grösseren Gebilde zu verkriechen – in der (falschen) Hoffnung, auf
diese Weise irgendwann, vielleicht, wenigstens wieder einen
Tarifvertrag mit den Verlegern durchsetzen zu können. Man mag
einwenden: Damals beim «Stern» sei es leicht gewesen, gemeinsam zu
handeln, da das journalistische Selbstverständnis auf elementare
Weise verletzt worden war. Heute wäre es unmöglich und töricht,
eine Redaktion zu besetzen. Gewiss! Heute müssten wir zuerst
darüber diskutieren, ob es das überhaupt noch gibt: ein gemeinsames
journalistisches Selbstverständnis. Die Lektüre des denk-würdigen
Tagebuchs der «Stern»-Redaktion tut in jeder Hinsicht gut: als
Mutmacher und historisches Lehrstück. Mehr...
Tags:Mediengeschichte, Redaktionsstatut, Stern, Hitler-Tagebücher, Henri
Nannen, Rolf Gillhausen, Peter Scholl-Latour, Johannes Gross, Gerd Schulte-Hillen